Hält die Bauverwaltung Informationen zurück?

Überfüllter Kreuzfahrtterminal (Foto: Bernd Scheel)
Das große Interesse am Investitionsprojekt “Priwall Waterfront” manifestierte sich schon in der Anzahl der Zuhörer, die gestern auf Einladung der SPD in den Kreuzfahrtterminal am Ostpreußenkai gekommen waren: Bei annähernd 200 Besuchern wurden die Sitzgelegenheiten knapp. Nach der Begrüßung durch den Travemünder SPD-Vorsitzenden Wolfgang Hovestädt referierte Andrea Gastager, Geschäftsführerin der LTM (Lübeck und Travemünde Marketing GmbH), zur ausgesprochen guten Ausgangslage (”unglaubliches Potenzial”) Lübecks und Travemündes im touristischen Wettbewerb und betonte die Bedeutung des “Wirtschaftsfaktors Tourismus” für die Stadt.

Ulrich Pluschkell (li) und Wolfgang Hovestädt (Foto: Bernd Scheel)
Kurdirektor Kirchhoff spitzte sein Referat auf Travemünde und den Priwall zu. Travemünde habe im “Verdrängungswettbewerb”, vor allem mit Mecklenburg-Vorpommern, an Boden verloren und stehe derzeit mit einem Unterkunftsangebot von rund 3000 Betten auf einer Stufe mit Dahme und Kellenhusen. Die Erhöhung des Angebots durch die Ferienhäuser auf dem Priwall zeige bereits positive Wirkung: Die Anzahl der Übernachtungen sei von 2005 zu 2007 um 100.000 auf 400.000 gestiegen, was die Übernachtungsbilanz des Krisenjahres 2009 gerettet habe. “Priwall Waterfront” werde diesen Trend weiter unterstützen, so Kirchhoff, und der Stadt Steuereinnahmen von zwei Millionen Euro sowie dem Kurbetrieb Travemünde 200.000 Euro an Kurabgabe bescheren. Grundlage dieser Kalkulation sei die Schaffung von 1300 Betten in Ferienwohnungen (bereits 1000 vorhanden), 400 Betten in Hotels und 200 Betten im “Low-Budget”-Bereich.

Hat kaum ein anderes Ostseebad zu bieten: "Finnstar"-Kulisse zum Vortrag von Annekatrin Lorenzen (Foto: Bernd Scheel)
Annekatrin Lorenzen vom Lübecker Fachbereich 5 “Planen und Bauen” ging näher auf das “Waterfront Projekt” ein, ohne aber wirklich konkret zu werden. Die Entwürfe der “Planet-Haus” des Investors Sven Hollesen seien sowohl in der Höhe als auch bei der Bruttogeschossfläche reduziert worden, ohne Zahlen zu nennen. Drei bis vier Geschosse hoch werde die Bebauung werden, was in etwa der Firsthöhe der jetzigen Gebäude entspreche.
Das Publikum beschränkte sich bei seinen Fragen und Kommentaren nicht auf das Projekt “Priwall Waterfront”, sondern äußerte seinen Unmut auch anderweitig: Wenn denn der Tourismus ein so wichtiger Wirtschaftsfaktor sei (wie von Frau Gastager dargestellt) und wenn “Familien mit Kindern” eine der drei wichtigsten Zielgruppen für die Werbung seien, wieso schaffe es die Lübecker Politik dann nicht, Travemünde auch wieder eine Schwimmhalle zur Verfügung zu stellen? Die leeren Kassen der Stadt mochten da als Argument nicht überzeugen.
Bezogen auf die Ankündigung von Frau Lorenzen, dass auch Jugendliche an der weiteren Planung beteiligt werden sollten, erhob sich großer Unmut: Erst habe man Tausende Jugendliche auf dem Priwall durch die Schließung und den Abriss der Jugendfreizeitstätte “rausgeschmissen” und jetzt wolle man sie befragen? Auch die Freizeitstätte habe bis zu 600 tägliche Übernachtungen zu verzeichnen gehabt. Der SPD wurde vorgeworfen, eine “Schaukelpferd-Politik” zu betreiben.
Irreführung der Öffentlichkeit?

Ausschnitt aus einer Planungsskizze des Lübecker Baureferats: Das Ufer am geplanten Hotel auf der Landspitze ist nur noch teilweise begehbar (gelbe Markierung) (Vergrößern per Mausklick)
Sehr vage blieb die Rolle des zukünftigen Hotels auf der Spitze des Passathafens. Die Planung sei noch nicht so weit, sagte Frau Lorenzen. Erst nach mehrmaligem Nachfragen gab Frau Lorenzen die Information, dass das Ufer an der Trave und am Passathafen dann nicht mehr öffentlich begehbar sein wird. – Solche widerwillig preisgegebenen Informationen erregen Misstrauen in die städtischen Planungsbehörden: Einerseits heißt es, die Planung sei noch nicht so weit, andererseits ist sie aber bereits so konkret, dass sie den öffentlichen Zugang zum Traveufer verunmöglichen will. Die Widersprüche wurden bei genauerem Hinschauen auch durch die gezeigten Planungsskizzen verdeutlicht: Auf einer Skizze der Stadt ist das Traveufer nicht mehr öffentlich, auf einer weiteren Skizze der “Planet-Haus” ist auch der Zugang zum Ufer des Passathafens eingeschränkt.
Der Vorgang grenzt ans Skandalöse. An Ostsee und Trave gibt es in Travemünde bisher keinen Uferbereich, der nicht öffentlich zugänglich wäre, es sei denn zum Schutz des Publikums im Hafen- und Werftbereich. Mit anderen Worten: Der Uferbereich soll privatisiert werden. Dass eine solche ausschlaggebende Information erst nach mehrmaligem Nachfragen preisgegeben wird, nährt den Verdacht, dass das Bauamt versucht, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen.

Ausschnitt aus einer Skizze der "Planet-Haus GmbH": Der Uferbereich am Hotel ist gar nicht mehr öffentlich begehbar (rote Markierung)(Vergrößern per Mausklick)
Auch die “Bürgerinitiative behutsame Priwallentwicklung” (BiP), die ein Alternativkonzept zu “Priwall Waterfront” entwickelt hat, war in der Versammlung vertreten. Bezüglich der Verkehrsentwicklung auf dem Priwall durch die geplanten neuen Betten befürchtet die BiP Probleme, die von Frau Lorenzen bestritten wurden. Das Vorstandsmitglied der BiP, Eckard Erdmann, führte außerdem Berechnungen ins Feld, wonach “Priwall Waterfront” für die Stadt Lübeck – und damit für den Steuerzahler – zu schweren Verlusten führen werde. Eine Befassung mit diesen dem Baureferat vorliegenden Zahlen lehnte Frau Lorenzen ab.
Ebenfalls anwesend im Kreuzfahrtterminal war der in Travemünde wohnende Verkehrs- und baupolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Lübecker Rathaus, Ulrich Pluschkell. Er sagte, die SPD habe sich noch nicht festgelegt auf “Priwall Waterfront”, es gebe auch noch den Entwurf der BiP.
bs
